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Demografischer Unsinn



Die Süddeutsche Zeitung (8/9. 12. 2012) hat zusammen mit der Hypo-Vereinsbank ein Expertenforum "Mittelstand" zur Arbeitsmarkt-Problematik veranstaltet. "Es geht um viel, um den Fortbestand Europas", sagte ein Vertreter der Bank.

Man zitierte Modellrechnungen des Statistischen Bundesamts, wonach 2060 nur noch 65-70 Millionen Menschen in Deutschland leben werden. Jeder siebte wird dann über 80 Jahre alt sein. Weitere geeignete Horrorzahlen lieferte Reiner Klingholz vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung.

Wieder einmal wird der Untergang des Abendlands beschworen. Es fehlen demnächst die Kinder, dann fehlen die Azubis. Und vor allem fehlen bald die Steuerzahler, denn jeder Dritte wird 2060 älter als 65 sein. Also wird Deutschland ein grosses unterbevölkertes MeckPomm von Rentnern werden und driftet in Armut ab, weil dem Staat die Einnahmen wegbrechen.

Schluchz!

Was sich das Statistische Bundesamt bei solchen Projektionen denkt, ist eine Frage für Statistiker. Was Herr Klingholz an zusätzlichem Untergangsgemälde liefert, ist unerfreulich. Dass die Süddeutsche Zeitung sich zum Sprachrohr dieses Unsinns macht, ist schwer zu verstehen.

Wenn es an einem Gut auf Erden nicht mangelt, sind es Menschen. Sie sind da, sie werden noch mehr, und sie wandern von Gegenden mit hohem Bevölkerungsdruck ab in solche mit geringerem Druck. Wie in kommunizierenden Röhren. Sollte in Deutschland die einheimische Stammbevölkerung, vulgo: die Deutschen, schrumpfen, so werden Ausländer einströmen — selbst wenn sich der Staat so männiglich dagegen stemmt, wie deutsche Regierungen das fast immer tun.

Wer kommt, wird überwiegend jung sein, im besten Steuerzahleralter, wird Kinder mitbringen und machen. In der zweiten, spätestens der dritten Generation, werden die Zuwanderer so echte Deutsche sein, wie Amerikaner Amerikaner sind. Sie werden Pumpernickel essen, Bach hören, und nur ein bisschen bräuner sein als die Deutschen von heute.

Um 2060 wird Deutschland vermutlich ebenso viele Einwohner zählen wie heute, vielleicht sogar mehr. Nicht die Natur bestimmt, wie viele Deutsche es gibt, sondern die Wirtschaft. Solange das Land wirtschaftlich produktiv bleibt. werden die Menschen kommen, die es braucht.

Die sorgfältig geschürte Angst, das Land könne "überaltern", ist ebenfalls Unsinn. Soeben ergab eine Umfrage, dass sich die Senioren von heute im Durchschnitt um zehn Jahre jünger fühlen, als sie sind. Wir leben in einer Übergangsphase, in der die Menschen nicht nach ihrem tatsächlichen Leistungsalter verrentet werden, sondern nach einem fiktiven, das aus Zeiten niedriger Volksgesundheit stammt und aus Mangel an Verständnis für Demografie und aus politischer Feigheit in die Gegenwart geschleppt wurde.

Vielleicht ist das gut für die heutige Rentnergeneration, obwohl viele es schwierig finden, die geschenkten gesunden Jahre mit Leistung oder Zeitvertreib zu füllen. Doch irgendwann wird das Spiel zuende sein und das Rentenalter wieder in Einklang mit dem Leistungsalter gebracht werden. Das wird den Anteil der Rentner an der Bevölkerung kräftig senken. Vielleicht wird es sogar dem Individuum — wie oft in Amerika — überlassen werden, wann er oder sie in Rente geht. Achtzigjährige im Beruf aktiv zu sehen, erstaunt in USA niemand, in Europa runzeln die Jungen bei diesem Anblick noch die Stirn.

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—— Heinrich von Loesch

P.S. Der Autor behauptete 1974 in einer demografischen Studie "Stehplatz für Milliarden?" (dva), dass Deutschland ein Einwanderungsland sei. Dafür bezichtigte ihn Hilde Wander, eine CDU-nahe Demografie-Professorin, des versuchten "Genozids am deutschen Volke". Fast vierzig Jahre später fällt es vielen Politikern (und manchen Demografen) immer noch schwer, zu begreifen, dass "die Deutschen" sich kontinuierlich wandeln.

Update

"Deutschland knackt dank Einwanderern 82-Millionen-Marke" (Spiegel online, 14/01/13)